75 Jahre, beinahe auf den Tag genau, ist es her, dass der 2. Weltkrieg endete. 70 Jahre, beinahe auf den Tag genau, ist es her, dass die Städtepartnerschaft zwischen Montclair, New Jersey und Graz begründet wurde. 5 Jahre, beinahe auf den Tag genau, ist es her, dass ich vom zehnmonatigen Austausch in Amerika, der im Rahmen der Städtepartnerschaft ins Leben gerufen wurde, zurückgekehrt bin. Es ist Zeit für einen Rück- und Ausblick und auch für eine Bewertung dieses Aufenthalts und dem, was folgte.

Abreise und Ankunft

Ich erinnere mich noch gut zurück an einen Anruf, der mich am RESOWI an der Karl-Franzens-Universität Graz erreichte, am Abend des Hearingtages zum Stipendium: Maxie Uray-Frick, die umtriebige und engagierte Leiterin des Vereins „Nachbarn in Übersee”, überbringt die positive Nachricht. Ich kann es kaum glauben: Ich fahre nach Amerika! Die Vorfreude ist riesig.

Dann die traurige Verabschiedung im Haus meiner Großeltern auf dem Land, das „Auf-Wiedersehen-Sagen” mit meinen Eltern und meiner Großmutter auf dem Flughafen und dann die Gangway entlang ins Ungewisse, ins Neue, ins Internationale.

Das Eintreffen in Montclair

Einen halben Tag später, Ankunft in New York, ich bahne mir den Weg Richtung Montclair, New Jersey (ungefähr 40 Minuten mit dem Zug von New York aus). Dorm beziehen, Koffer auspacken und sich unter allen anderen internationalen Studierenden einfinden: SpanierInnen, NorwegerInnen, ZypriotInnen, BrasilianerInnen, MozambiquianerInnen, ChilenInnen, KolumbianerInnen, KoreanerInnen, Afghanis, EngländerInnen, AustralierInnen, NeuseeländerInnen, ItalienerInnen, Pakistanis, SerbInnen usw…

Wenige Tage und Wochen später wurden aus den oben genannten Länderzuschreibungen Freunde: Teresa, Johanne, Amanda, Jonas, Sindre, Christos, Luìs, Lucas, Fernanda, Melissa, Henry, Changwon, Marzia, Basbibi, Tom, Hannah, Jessica, Adam, Laken, Andrea, Taimur, Milos usw.

Abseits der gewonnenen Freundschaften, der Eindrücke aus New York, der vielen neuen Bekannt- und Freundschaften mit AmerikanerInnen brachte meiner Grazer Co-Austauschstudentin, Stefanie Nöst, und mir vor allem Juliana Belcsak und der Alltag den „American Way of Life” näher. Vom ersten Moment an um uns bemüht, feierte Juliana, die nach Amerika ausgewanderte Österreicherin gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern mit uns unsere Ankunft, Thanksgiving, Ostern und auch unseren Abschied von Montclair.

Die Montclair State University

Auch das studentische Leben gestaltete sich ganz anders als das von der Grazer Karl-Franzens Universität gewohnte, da es in Montclair sehr „verschult” oder – positiv ausgedrückt – viel besser betreuten Unterricht in kleinen Gruppen gibt. Für mich als Betriebswirtschaftsstudent besonders spannend war der Zugang der Universität zum Thema Entrepreneurship, das meine Spezialisierung im Bachelor werden sollte: An einem eben erst entstandenen Institut mit sehr engagierten Professoren war der Unterricht faszinierend, kreativitätsfördernd und praxisnah. Der Entrepreneurship-Unterricht endete nach neun Monaten mit einem amerikanisch-österreichischen Teamerfolg bei einem Pitch-Wettbewerb und einer Siegerprämie von $10.000 – besser hätte es kaum laufen können.

Die Reisen

Das war aber bei Weitem nicht alles, was ich erleben durfte. Denn es zog mich auf Reisen durch die USA von der East Coast an die West Coast, von den „Nordstaaten” in die „Südstaaten”, quer durch die Midwest States, vom Amish People Land Virginia bis in die ehemalige Hippie-Hochburg San Francisco und vom österreichischen Konsulat bis zum Büro des State President Pro Tempore, Marc R. Pacheco, in Boston. Dort konnte ich nach meiner Zeit an der Uni und den Reisen noch ein kurzes Praktikum anhängen und das amerikanische politische System in Vorwahlzeiten kennenlernen.

Die Transatlantic Entrepreneurship Academy Graz-Montclair

Genau vor fünf Jahren ging es dann zurück – mit einem lachenden und einem weinenden Auge und mit der Zuversicht, dass es bald wieder ein „Homecoming” nach Amerika geben würde. Und das kam dann auch so. Schon während meiner Zeit in Montclair trieb mich der Gedanke um, dass mehr Studenten die Chance erhalten sollten, etwas Ähnliches zu erleben wie ich. Meine Entrepreneurship-Erlebnisse und mein Kontakt zu meinen amerikanischen Freunden ließ mich Ideen spinnen, einen Austausch im Fach Entrepreneurship von AmerikanerInnen und ÖsterreicherInnen zu organisieren. Professor Alfred Gutschelhofer und sein Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship unterstützten die Pläne und stellten mich eineinhalb Jahre für deren Umsetzung an. Mit großer Unterstützung seines Teams und den amerikanischen Pendants rund um Dennis Bone, dem damaligen Leiter des Feliciano Center for Entrepreneurships, Jason Frasca und Iain Kerr, abermals Juliana Belcsak und vieler Sponsoren (Stadt Graz, Karl-Franzens-Universität Graz u.a.) gelang es, die Transatlantic Entrepreneurship Academy ins Leben zu rufen. Sie findet seit dem Frühjahr 2017 jährlich mit 20 amerikanischen und 20 österreichischen Studenten statt. In gewisser Weise habe ich nach meinem Austauschjahr mehr Zeit mit Montclair und den österreichisch-amerikanischen Beziehungen verbracht als zu jener Zeit, als ich dort studiert habe.

Was lehrte mich die Zeit?

Die Zeit in Montclair hat mich nicht nur mit Erfahrungen ausgestattet, sie hat mich vor allem persönlich auf eine ganz positive Weise verändert, wie ich meine. Der Aufenthalt in Amerika hat mir eine gewisse Weltläufigkeit geschenkt und auch eine Offenheit für andere Zugänge, die sich seither immer wieder zeigt. Der Austausch war ein Start für viele weitere Erfahrungen, die ich sonst vermutlich nicht gemacht hätte: Ob es die Arbeit am Außenwirtschaftscenter in Indien war, meine Masterstudiumswahl im Fach Export- und Internationalisierungsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien oder auch das Masterarbeitsthema zu Powernapping in Unternehmen. All das resultierte aus der Zeit, die mir ermöglicht wurde. Das Austauschjahr hat mir aber durchaus auch das Schöne an Österreich und Europa offenbart und mich gelehrt, dass ich sehr gerne hier lebe und auch langfristig leben möchte.

Mein Großvater (geb. 1939) sagte immer schon: „In den USA werden Dinge erfunden, nach fünf Jahren kommen sie nach Deutschland und nach 10 Jahren dann nach Österreich.” Man darf den Satz nicht mehr wörtlich verstehen, aber sinnbildlich verkörpert er immer noch genau das, wofür er wörtlich steht: Amerika ist zeitlich „vorne”. Klar, die Welt ist zwar geopolitisch diverser geworden, es gibt China und viele andere Player auf der Welt. Amerika war und ist auch nie, wie das Sprichwort sagt, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewesen, aber es ist doch ein Ort an dem immer wieder vieles entsteht und vor allem auch vieles (mit-)entschieden wird. Man kann von diesem Land nach wie vor sehr vieles lernen, und die rechtsstaatliche, demokratische, liberale, transatlantische Partnerschaft von Europa mit den Staaten ist in einer globalisierten Welt so wichtig wie kaum zuvor in der Geschichte.

Es ist ein großes Privileg und Geschenk zugleich, als Student über das Programm „Nachbarn in Übersee” der Stadt Graz ein Auslandsjahr an der Montclair State University machen zu dürfen. Die Stadt Graz und auch Österreich sollten es weiterhin als große Chance erkennen, Möglichkeiten solcher Austauschprogramme intensiviert zu fördern – denn die Investition wird Früchte tragen – vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber spätestens übermorgen. Es braucht Brückenbauer, gerade in Zeiten wie diesen, denn ein völkerverbindender Austausch ist nicht nur eine unglaubliche persönliche Bereicherung für jeden, sondern auch ein Fanal für das weitere Leben. Ich möchte mich jedenfalls vielmals für die Möglichkeit bedanken, dass ich diese Chance erhielt. Auf weitere 70 Jahre!

(Sebastian Swoboda, Betriebswirtschafter, 2014/15 in Montclair)

Quelle graz.at